Teisho

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T E I S H Ō

Dieses ist die Wiedergabe eines Teishō für Sabine Hübners persönliche Zen-Schüler, welches mündlich in einem Sesshin gegeben wurde. Wer sonst noch dieses Teishō lesen sollte, sei ebenfalls freundlich gegrüßt.

Wer als solcher „Lese-Gast“ an den Worten des Teishō jedoch Anstoß nehmen sollte, aus welchem Grund auch immer,  möge sich daran erinnern, dass dieser Text eigentlich nicht für ihn bestimmt ist – und sich dann sogleich wieder ausschalten.

Danke schön für die Beachtung –

und allen Wohlwollenden herzlich willkommen!

 



 

TEISHŌ aus einem Rohatsu im Nürnberg-Zendō

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Mitsu Shi: Weißer Hase

 

Onkel Mitsu  Shi ging mit Tōzan spazieren. Ein weißer Hase huschte ihnen über den Weg.
"Wie flink!" sagte der Onkel.
Tōzan fragte: "Wie ist das?"
"Wie wenn ein Durchschnittsbürger zum Premierminister ernannt wird", gab der Onkel zur Antwort.
"Du redest immer noch so, obwohl du alt und bedeutend bist", sagte Tōzan.
"Was würdest du sagen?" fragte der Onkel.
"Der Prinz (eines großen alten Geschlechts) steigt für eine gewisse Zeit die gesellschaftliche Stufenleiter herab", antwortete Tōzan.

Dieses Kōan erinnert an das vorige: Schaut der Esel den Brunnen an oder der Brunnen den Esel? Steigt der Durchschnittliche zum Premierminister hinauf, oder steigt der Prinz aus altehrwürdiger Familie die gesellschaftliche Stufenleiter hinab? Man könnte auch fragen: Wird der Mensch auf dem Pfad der Erkenntnis göttlich, oder wird Gott Mensch?
Die eigentliche Frage ist: Wird überhaupt jemand irgendetwas?
Es ist in der Letzten Wirklichkeit nicht möglich, irgendetwas zu "werden", was man nicht schon ist. Und was man ist, ist man nicht "geworden". Das "Werden" ist nur Schein, es sei denn, man wird, was man immer schon ist. Das heißt: Die Scheuklappen fallen herunter, und der Mensch erkennt, wer er ist.
Es kann also niemand etwas werden. Es ist kein Unterschied zwischen dem, der angeblich wird, und dem, der angeblich geworden ist.
Auch kann niemand "einen anderen" anschauen, denn er schaut mit gleichem Auge wie der Angeschaute. Der vermeintlich "andere" ist der Mensch, der ihn anschaut, selber. Es gibt keinen "anderen". Der Brunnen ist zugleich der Esel – und der Esel der Brunnen. Der Durchschnittliche ist der Premier – und der Premier der Durchschnittliche. Der Prinz ist der Kastenlose – und der Kastenlose der Prinz. Gott ist Mensch – und Mensch ist Gott. Niemand steigt hinauf oder hinab. 
Gott ist nicht "drüber".
Denn das SEIN ist immer nur das SEIN. Daran gibt es nichts zu deuteln. Da der menschliche Verstand diese höhere Logik aber nicht erfassen kann, denn er ist nur für komplizierte Gedankengänge konstruiert, damit wir wähnen sollen, es gäbe diese Welt – weil also der Verstand nicht erfassen kann, dass das SEIN immer nur das SEIN ist, schreien Theologen, Philosophen und Psychologen auf, wenn sie hören: "Niemand kann etwas werden, was er nicht schon ist". Diese Entdeckung kann die menschliche Ratio nicht machen, meinen sie: Diese Entdeckung wäre zu einfach. Sie entspricht dem Satz aus dem Herz-Sūtra "Form ist Leere – Leere ist Form".
Gott ist zwar tatsächlich einfach, aber der Mensch ist kompliziert. Er will sich sein oft neurotisches Weltbild erhalten. Darum muss er, seiner Ängste wegen, kompliziert sein, und wenn es noch so sehr der höheren und universellen Logik widerspricht, die schlicht feststellt: "Form ist Leere – Leere ist Form".
Das Unbekannte macht selbst angeblich logisch Denkenden Angst. Darum ziehen sie es vor, vor sich selber die Wahrheit zu verschleiern, kryptisch zu denken und zu reden – und dieses dann für intelligent zu halten. Allerdings erfordert es eine ziemliche Raffinesse – das ist auch eine Art Intelligenz – die Wirklichkeit zu verschleiern. Dann sagen die Leute: "O, kann er brillant reden!" und sind begeistert hingerissen. 
Mich hat immer wieder gewundert, wieso intelligente Leute, die studiert haben, den logischsten aller Sätze "Form ist Leere – Leere ist Form" nicht erfassen können, sondern sogar darüber polemisieren, ohne zu merken, dass die Intelligenz selber die Feststellung fordert "Form ist Leere – Leere ist Form".
Zur Erfassung der HÖCHSTEN WAHRHEIT ist es also nicht notwendig, studiert zu haben. Unter Umständen kann es sogar hinderlich sein, nämlich dann, wenn der Studierte meint, "Form ist Leere – Leere ist Form" widerspräche seiner Intelligenz. Dieses ist ein Trugschluss, denn die große Erfahrung von "Form ist Leere – Leere ist Form" widerspricht eben gerade nicht der Intelligenz, sondern nur der durchschnittlichen und gewöhnlichen menschlichen Ratio. Je intelligenter ein Wesen jedoch ist, desto tiefer geht ihm die WAHRHEIT und die hohe Logik von "Form ist Leere – Leere ist Form" auf.
Allerdings ist unbedingt zu beachten: Dieses darf nicht in ein Dogma ausarten!
Und so wird der Erfahrende ganz und gar demütig – und weise.
Mit der Erfahrung hat sich schon manche Strohdummheit aufgelöst.
Weiter mit der Logik: Es gibt auch nicht "jemanden", der etwas sehen, erkennen, werden oder tun kann. O nein, da ist niemand. Also kein Sehen, Erkennen, Werden oder Tun?
Doch! Sehen! Erkennen! Ja! Aber es ist niemand da, der erkennt. Der wahrhaftig Erkennende sieht: Da ist nur noch Erkennen, aber niemand mehr, der erkennt. Dass da jemand wäre, war vorher eine Täuschung gewesen. Niemand hat ein selbständiges, eigenes und bleibendes Sein. Was begonnen hat, ist auch der Vergänglichkeit unterworfen. Eine statische Person existiert nicht und hat noch niemals existiert. Aber Erkennen! Ja! Erkennen!
Das Erkannte aber ist nichts und niemand anders als der Erkenner. Genauso, wie der Erkenner nicht mit eigenem Sein existiert, so existiert auch nicht der oder das Erkannte. Wiederum bleibt nur noch das Erkennen, und dieses ist des Menschen wahre Identität in dem wunderbaren Augenblick des Erkennens.
Meister Tōzan geht mit seinem Onkel Mitsu Shi spazieren, als ein weißer Hase blitzschnell vor ihnen über den Weg springt. "Wie flink!" bewundert der Onkel das Geschehen.
Tōzan spürt deutlich, dass der Onkel die Sache durchschaut, nämlich dass der Onkel an diesem Geschehnis die Welt durchschaut. Und er fragt nach:
"Wie ist das?" Er meint: "Was bedeutet das? Was siehst du da? Was erkennst du? Sag‘ noch etwas dazu!"
Der Onkel antwortet sinnbildlich: "Das ist, als wenn ein gewöhnlicher Mensch plötzlich hoch aufsteigt und zum Premierminister ernannt wird". Er meint damit: "Ein einfacher Mensch wird plötzlich zum Buddha. In dem Augenblick, als ich den Hasen erkannte, erkannte ich die Wirklichkeit!" Er sagt damit aber auch: "Ich erkannte, dass dieses kleine weiß bepelzte Wesen ein Buddha ist!"
Anscheinend also ein Aufstieg  auf der ganzen Linie!
Tōzan aber antwortet, ein bisschen missbilligend: "Du redest immer noch so, obwohl du doch alt und bedeutend bist!"
Tōzan sagt damit zu seinem Onkel: "Obwohl du ein alter, hochgeehrter Mensch mit allertiefstem Durchblick bist, tust du immer noch bescheiden wie ein armseliger kleiner Wicht mit einem winzigen Satori".
Der Onkel, Mitsu Shi, fragt Tōzan: "Was würdest du denn sagen?"
Tōzan antwortet mit einem kühnen Wort:

"Der Prinz eines großen alten Geschlechts steigt für eine gewisse Zeit die gesellschaftliche Stufenleiter herab".

Nicht nur, dass Tōzan damit seinen Onkel ehrt, etwa in dem Sinn: "Du bist ein Buddha und nur vorübergehend ein gewöhnlicher Mensch geworden", oder auch: "Die BUDDHA-NATUR hat sich erlaubt, ein kleiner, weißer Hase zu sein", was beides korrekt ist – sondern vor allem:
Das EWIGE und ABSOLUTE, das UNGEBORENE und UNSTERBLICHE, das UNENDLICHE WELTMEER und REINE SEIN läuft hier auf zwei Beinen herum als kleiner Mensch auf dem Rücken der Erde, muss essen und schlafen, wurde geboren und wird sterben. Welches Wunder das ist!

Ja, schaut so das Leben an, und erinnert euch, dass ihr zu euch selber sagen könnt:

"Ich bin nicht etwa ein kleiner, armseliger Wurm voller Unzulänglichkeiten und Sünden, ein unfähiger, mieser und ängstlicher Mensch. Vielmehr bin ich GEIST, bin ich WESEN und das UNENDLICHE WELTMEER. Ich bin die UNSTERBLICHKEIT SELBER. Ich bin das SEIN. Für eine Weile habe ich Form angenommen und führe in dieser Verkleidung ein verborgenes Leben hier auf der Erde, um in dieser Gestalt meine Erkenntnis der Wirklichkeit, meine REINE EINSICHT, immer mehr zu vertiefen und damit auch die anderen meiner Formen, die anderen Lebewesen, erlösen zu helfen".
Oder auch so:
"Ich bin das ABSOLUTE SEIN. Nur vorübergehend habe ich in mich hinein einen kleinen Körper gebildet, in dem ich mich zeige".
Oder so:
"Von EWIGKEIT zu EWIGKEIT bin ich GEIST. Für eine gewisse Zeit bin ich in die Welt der Form herabgestiegen und habe mir so die Welt der Form geschaffen".
Oder so:
"Im Grunde bin ich GEIST – und habe mich nur vorübergehend ausgeformt".
Oder auch so:
"Ich bin GEIST. Wohin ich auch schaue, sehe ich nichts anderes als GEIST. Ich sehe überall nur MICH und sonst nichts. All die Formen und all die Körper sind MEINE Formen und MEINE Körper. Außer MIR existiert nichts".
Das ist die Erfahrung Gottes in seiner Seligkeit und Freude.
Das ist auch die Erfahrung der erleuchteten Zen-Schüler.
Der weiße Hase ist nicht nur ein weißer Hase. Der Onkel Mitsu Shi ist nicht nur der Onkel Mitsu Shi. Der Baum ist nicht nur der Baum. Ihr seid nicht nur, was ihr bisher zu sein glaubtet, kleine begrenzte Geschöpfe.
In diesem Sinn: Vergesst nicht, dass ihr die Erben des großen Königs, der WESENSNATUR, seid. Ihr seid die Urheber! Ihr seid Prinzen und Prinzessinnen. Beschränkt euch aber nicht auf das Glauben daran, obwohl auch das bis zur Erfahrung tröstlich und notwendig sein kann, sondern geht treu euren WEG und dann – erfahrt, wer ihr seid!

Zum Abschluss eine Bemerkung, die der Willigis gemacht hat:

"Wir sind Bewusstsein, das zeitweise materiell ist,

und nicht Menschen, die zeitweise eine transpersonale Erfahrung machen."

Ich kann nur sagen, ja, ja, ja! Das Normale ist, dass wir BEWUSSTSEIN sind, nicht, dass wir materielle Körper wären.
Unser WAHRES SEIN ist, dass wir GEIST sind.